Ärztliche Behandlungsfehler

Die unterschiedlichen Arten von Behandlungsfehlern

Unter bestimmten Voraussetzungen stehen Patienten bei Vorliegen von ärztlichen Behandlungsfehlern Schadensersatzansprüche zu. Ärztliche Behandlungsfehler können sich in den verschiedensten Teilbereichen ereignen. Der folgende Beitrag will die unterschiedlichen ärztlichen Behandlungsfehler darstellen.

Unter einem Behandlungsfehler ist eine nicht angemessene, zum Beispiel nicht sorgfältige, nicht richtige oder nicht zeitgerechte Behandlung eines Arztes zu verstehen. Ein Behandlungsfehler kann alle Bereiche ärztlicher Tätigkeit betreffen. Dabei kann der Fehler rein medizinischen Charakters sein, sich auf organisatorische Fragen beziehen, oder es kann sich um Fehler nachgeordneter oder zuarbeitender Personen handeln. Auch die fehlende oder unrichtige, unverständliche oder unvollständige Aufklärung über medizinische Eingriffe und ihre Risiken zählt zu den Behandlungsfehlern.

1. Ein Behandlungsfehler im engeren Sinn kann insbesondere in folgenden Fällen gegeben sein:

Therapiefehler
Sofern der Arzt auf erhobene, eindeutige Befunde zu spät oder gar nicht reagiert oder eine medizinische Standardmethode nicht oder falsch anwendet, kommt ein haftungsrelevanter Therapiefehler in Betracht.

Beispiel:
Bricht dem Zahnarzt bei der Wurzelbehandlung das Wurzelaufbereitungsinstrument ab und verbleibt deshalb unbemerkt ein Fremdkörper im Körper des Patienten, so stellt dies einen Behandlungsfehler dar. Der Zahnarzt ist im Rahmen seiner Behandlung verpflichtet, die Vollständigkeit und Unversehrtheit seiner Instrumente nach der Behandlung seines Patienten zu kontrollieren, um sicher zu stellen, dass keine Teile im Körper des Patienten zurück geblieben sind (vgl. OLG Köln, Urt. v. 16.06.1999, Az. 5 O 160/97).

Diagnosefehler
Die höchstrichterliche Rechtsprechung ist bei der Einordnung von Diagnoseirrtümern als Behandlungsfehler sehr zurück haltend. Liegt jedoch eine völlig unvertretbare Fehlleistung des Arztes bei seiner Diagnose vor, kann nach der Rechtsprechung ein Behandlungsfehler angenommen werden.

Beispiel:
Erkennt ein Allgemeinarzt trotz entsprechender Beschwerden des Patienten und eindeutiger Hinweise in dem erstellten EKG die Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Herzinfarktes nicht und rät er deshalb dem Patienten nicht dringend zu einer sofortigen notfallmäßigen Einweisung in die nächste Klinik für eine Herzkatheteruntersuchung, so liegt ein grober Behandlungsfehler in Form eines Diagnosefehlers vor (vgl. OLG Bamberg, Urt. v. 04.07.2005, Az. 4 U 126/03).

Ärztliches Übernahmeverschulden
Ein Behandlungsfehler kann dann vorliegen, wenn ein Arzt eine Behandlung durchführt, ohne die hierfür erforderliche Fachkompetenz oder die technische Ausstattung für diese Behandlung zu haben oder aber wegen Fähigkeitsabfalls, z.B. Müdigkeit, die Therapie nicht zuverlässig durchführen kann. Der Arzt hat, sofern er an die Grenzen seines Fachbereichs oder seiner persönlichen Einsatzbereitschaft gelangt, andere hinzuziehen und weitere Aktivität zu unterlassen. Ein Verstoß gegen diese Verpflichtung kann einen Behandlungsfehler darstellen.

Beispiel:
Sieht sich der bei einer Geburt notfallmäßig hinzugezogene Kinderarzt mangels ausreichender Kenntnisse und Erfahrung außer Stande, die erforderliche Intubation des Neugeborenen durchzuführen und damit die vitalen Funktionen des Neugeboren sicher zu stellen, muss er dafür sorgen, dass dies ein kompetenter Krankenhausarzt übernimmt. Ein entsprechendes Unterlassen stellt einen haftungsrelevanten groben Behandlungsfehler dar (vgl. OLG Stuttgart, Urt. v. 04.01.2000, Az. 14 O 31/98).

Befunderhebungsfehler/unterlassene Befunderhebung
Der Arzt ist verpflichtet bei Verdacht auf das Vorliegen einer Erkrankung in einem angemessenen zeitlichen Rahmen Befunde zu erheben. Dabei ist die Gesamtheit der körperlichen und psychischen Erscheinungen des Patienten zu berücksichtigen.

Beispiel:
Erfolgt trotz des Verdachtes einer Beinvenenthrombose auf Grund des vorliegenden Beschwerdebilds durch den Arzt nicht die gebotene diagnostische Abklärung durch Erhebung weiterer Befunde, so stellt dieses Fehlverhalten einen groben Behandlungsfehler dar (vgl. OLG Oldenburg, Urt. v. 25.11.1997, Az. 5 U 66/97).

Organisations-/Überwachungsfehler
Ärzte, Pflegepersonal und Krankenhäuser sind verpflichtet, die Behandlungsabläufe so sachgerecht zu organisieren und koordinieren, dass die erforderlichen hygienischen, apparativen und medikamentösen Standards sichergestellt werden. Ebenso ist dafür Sorge zu tragen, dass das Personal sachgerecht ausgewählt, angewiesen und überwacht wird.

Beispiel:
Die Verantwortung für die Erhaltung der vitalen Lebensfunktionen eines in einer internistischen Abteilung untergebrachten, lebensbedrohlich gefährdeten Magersucht-Patienten liegt bei dem behandelnden Internisten, nicht bei dem beratend hinzugezogenen Arzt einer anderen Fachrichtung. Es ist es Pflicht des behandelnden Internisten, ggf. mit allem Nachdruck sowohl die vormundschaftliche Genehmigung für die Durchführung und Sicherung einer künstlichen Ernährung des Magersucht-Patienten zu erwirken, als auch für eine optimale Überwachung auf der Intensivstation zu sorgen. Unterlässt dies der Internist, weil er sich auf den zugezogenen Arzt verlässt, stellt dies einen Behandlungsfehler dar (vgl. OLG München, Urt. v. 08.07.2007, Az. 1 O 2881/03).

2. Auch bei Vorliegen eines so genannten Aufklärungsfehlers können Ansprüche auf Schadensersatz bestehen. Vor jeder medizinischen Behandlungsmaßnahme ist die Zustimmung des Patienten erforderlich. Fehlt eine solche Zustimmung, ist der Straftatbestand der Körperverletzung erfüllt.

Fehler bei Risikoaufklärung
Vor diesem Hintergrund geht die Rechtsprechung davon aus, dass dem Patienten eine allgemeine Vorstellung davon zu vermitteln ist, mit welchen Risiken und Belastungen die Behandlungsmaßnahmen verbunden sind und welchen Schweregrad diese aufweisen. Der Patient ist also über die mit der Durchführung der Behandlung verbundenen „spezifischen Risiken im Großen und Ganzen“ aufzuklären. Je weniger dringlich ein Eingriff und je zweifelhafter die Heilungsaussichten sind, umso weitergehend hat die Aufklärung über die Risiken der Behandlung zu erfolgen.

Beispiel:
Im Falle einer operativen Behandlung der Eintrübung der Augenlinse (grauer Star) hat der Arzt über das Risiko einer operationsbedingten Erblindung aufzuklären (vgl. OLG Oldenburg, Urt. v. 08.12.1998, Az. 5 O 116/98).

Fehler bei Diagnoseaufklärung
Neben der oben beschriebenen Risikoaufklärung hat durch den behandelnden Arzt auch eine Diagnoseaufklärung zu erfolgen. Dabei ist der Patient über das Ausmaß der bei ihm anzutreffenden Befunde zu informieren. Ferner muss der Patient vom Arzt über etwaige Behandlungsalternativen aufgeklärt werden. Dies insbesondere dann, wenn eine alternative Behandlungsmethode gleiche Heilungschancen bietet aber mit einem geringeren Risiko für den Patienten verbunden ist oder wenn mit dieser Methode bei ähnlichen Risken höhere Heilungschancen zu erwarten sind.

Beispiel:
Der Zahnarzt muss seinen Patienten bei der Einbringung von Zahnimplantaten darüber aufklären, dass es zur Einbringung von aus Rinderknochen gewonnenem Knochenersatzmaterial Alternativen dahingehend gibt, dass das erforderliche Knochenmaterial durch eine Transplantation von Beckenknochen oder die Verwendung lateraler Zahnimplantate gewonnen werden kann und so das Risiko einer Erkrankung an der Creutzfeld – Jakob – Krankheit ausgeschlossen werden kann. Eine Verletzung dieser Aufklärungspflicht kann Schadensersatzansprüche begründen (OLG Stuttgart,  Urt. v. 12..07.2005, Az. 1 O 25/05, noch nicht rechtskräftig).

Verspätete Aufklärung
Die Aufklärung muss rechtzeitig vor der Behandlungsmaßnahme stattfinden. Dem Patienten muss die Möglichkeit bleiben, dass für und wieder der Behandlung in Ruhe abzuwägen. Eine Aufklärung erst am Vorabend einer Operation oder gar auf dem Weg in den OP-Bereich kann deshalb abgesehen von Notfällen zu spät sein. Bei ambulanten Eingriffen mit weniger hohen Risiken wird eine Aufklärung am selben Tag dagegen oft als ausreichend erachtet.

Beispiel:
Die Aufklärung am Vorabend einer schönheitschirurgischen Operation (Bauchdeckenstraffung) ist verspätet, wenn die Patientin erstmals mit erheblichen kosmetischen Folgen – wie einer deutlichen Vergrößerung der bereits existenten Narbe (15 auf 45 cm) oder mit längerfristigen Sensibilitätsstörungen – konfrontiert wird ( OLG Frankfurt, Urt. v. 11.10.2005, Az. 8 U 47/04 ).

Sollten Sie nach den obigen Ausführungen das Vorliegen eines Behandlungsfehlers vermuten und sich über ihre rechtlichen Möglichkeiten informieren wollen, stehen wir gerne zu einer ausführlichen rechtlichen Beratung zur Verfügung.

No tags for this post.